Kinderrechte und Menschlichkeit
Janusz Korczak
22. Juli 1878 oder 1879
August 1942
Kinderarzt · Pädagoge · Schriftsteller · Leiter eines jüdischen Waisenhauses
Warschauer Ghetto
Warum blieb Janusz Korczak bei den Kindern?
Janusz Korczak, der eigentlich Henryk Goldszmit hieß, leitete gemeinsam mit seiner langjährigen Kollegin Stefania Wilczyńska ein jüdisches Waisenhaus in Warschau. Als die deutsche Besatzungsmacht 1940 das Warschauer Ghetto errichtete, musste auch das Kinderheim dorthin umziehen.
Die Lebensbedingungen im Ghetto waren katastrophal. Hunger, Krankheiten und die zunehmende Zahl hilfsbedürftiger Kinder stellten Korczak und seine wenigen Mitarbeiter vor immer größere Schwierigkeiten.
In seinem Tagebuch schrieb Korczak über den täglichen Kampf, ausreichend Lebensmittel und Medikamente für die Kinder zu beschaffen. Trotz eigener gesundheitlicher Probleme suchte er nach Spenden und versuchte, die Versorgung des Waisenhauses aufrechtzuerhalten.
Dabei ging es ihm nicht allein um das körperliche Überleben der Kinder. Korczak und seine Mitarbeiter versuchten auch unter den unmenschlichen Bedingungen des Ghettos, den Kindern ein Stück Normalität und Geborgenheit zu erhalten.
Die Kinder wurden weiterhin unterrichtet. Es fanden Vorträge, Konzerte und Theateraufführungen statt. Korczak wollte damit auch ihre geistige und emotionale Gesundheit schützen und ihnen trotz ihrer Umgebung einen geregelten Alltag ermöglichen.
Als die deutschen Behörden im Sommer 1942 mit den Massendeportationen aus dem Warschauer Ghetto begannen, wurde die Situation immer bedrohlicher. Freunde außerhalb des Ghettos boten Korczak an, ihn zu verstecken oder ihm falsche Papiere zu beschaffen.
Korczak entschied sich jedoch dagegen, sich selbst in Sicherheit zu bringen. Auch seine Mitarbeiter wollten die Kinder nicht verlassen. Gemeinsam blieben sie bei ihnen und versuchten, sie so lange wie möglich zu versorgen und zu begleiten.
Arzt, Autor und Pädagoge
Wie war sein Leben vor dem Nationalsozialismus?
Janusz Korczak wurde als Henryk Goldszmit in eine polnisch-jüdische Familie in Warschau geboren. Er studierte Medizin und arbeitete später als Kinderarzt.
Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts machte er sich auch als Schriftsteller einen Namen. Er schrieb Bücher für Kinder sowie Texte über Erziehung und Kinderfürsorge. Für seine Veröffentlichungen verwendete er zunehmend das Pseudonym Janusz Korczak, unter dem er schließlich in ganz Polen bekannt wurde.
Korczak entwickelte für seine Zeit ungewöhnlich moderne Vorstellungen über den Umgang mit Kindern. Er war davon überzeugt, dass Kinder nicht nur erzogen werden sollten, sondern eigene Rechte besitzen und von Erwachsenen mit Respekt und Ernsthaftigkeit behandelt werden müssen.
1911 übernahm Korczak die Leitung eines neuen jüdischen Waisenhauses in Warschau. Gemeinsam mit seiner engen Kollegin Stefania Wilczyńska gestaltete er dort den Alltag nach seinen pädagogischen Vorstellungen.
Die Kinder waren nicht nur Bewohner des Hauses. Sie sollten Verantwortung übernehmen und das gemeinsame Leben aktiv mitgestalten. Jedes Kind hatte Rechte, aber auch Aufgaben und musste Verantwortung für das eigene Handeln übernehmen.
Eine besondere Rolle spielte dabei das sogenannte Kindergericht. Die Kinder konnten Beschwerden vorbringen und gemeinsam über Konflikte und Regelverstöße beraten. Korczak wollte ihnen damit zeigen, dass ihre Meinung ernst genommen wurde und dass Gerechtigkeit nicht allein von Erwachsenen bestimmt werden musste.
Auch außerhalb des Waisenhauses setzte Korczak sich dafür ein, Kindern eine eigene Stimme zu geben. Ab 1926 arbeitete er an der Kinderzeitung „Mały Przegląd“ mit, bei der Kinder selbst über Themen schreiben konnten, die sie beschäftigten.
Später wurde Korczak auch durch seine Radiosendungen bekannt. Unter dem Namen „Alter Doktor“ las er Geschichten, sprach über die Welt der Kinder und führte Interviews mit ihnen. Seine einfache und direkte Art machte die Sendungen sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen beliebt.
Mit dem zunehmenden Antisemitismus in Polen verlor Korczak Mitte der 1930er Jahre seine regelmäßige Tätigkeit beim Rundfunk. Nach dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 war er jedoch noch einmal für kurze Zeit im Radio zu hören und versuchte, seinen Zuhörerinnen und Zuhörern Mut zu machen.
Kinderrechte
Welche Rechte gab Korczak den Kindern?
Für Janusz Korczak waren Kinder nicht einfach kleine Erwachsene, die lernen mussten zu gehorchen. Er betrachtete sie als eigenständige Menschen mit eigenen Gedanken, Gefühlen und Rechten.
Deshalb sollten die Kinder im Waisenhaus ihren Alltag aktiv mitgestalten. Sie hatten eigene Aufgaben und Pflichten, durften aber ebenso ihre Meinung äußern, Beschwerden vorbringen und Verantwortung übernehmen.
Ein besonderes Beispiel dafür war das Kindergericht. Dort konnten die Bewohner des Waisenhauses Konflikte und Beschwerden miteinander besprechen. Auch Erwachsene konnten Gegenstand einer Beschwerde sein.
Korczak wollte den Kindern damit nicht einfach die Kontrolle überlassen. Sie sollten lernen, anderen zuzuhören, Entscheidungen abzuwägen, Verantwortung zu übernehmen und gerecht miteinander umzugehen.
Auch die Kinderzeitung „Mały Przegląd“ folgte diesem Gedanken. Kinder und Jugendliche konnten dort über Themen schreiben, die für ihr eigenes Leben wichtig waren, und selbst mitentscheiden, welche Beiträge veröffentlicht wurden.
Korczak formulierte seine Vorstellungen auch in seinen pädagogischen Schriften. Besonders wichtig war für ihn das Recht des Kindes auf Respekt. Erwachsene sollten Kinder ernst nehmen und ihnen mit Würde begegnen – unabhängig von ihrem Alter oder ihrer Herkunft.
Diese Vorstellungen waren für ihre Zeit außergewöhnlich. Heute gilt Janusz Korczak als einer der bedeutenden Wegbereiter einer Pädagogik, die Kinder als Menschen mit eigenen Rechten und eigener Stimme versteht.
August 1942
Wie verlief der letzte Weg nach Treblinka?
Ende Juli 1942 begann die deutsche Besatzungsmacht mit den Massendeportationen aus dem Warschauer Ghetto. Hunderttausende jüdische Menschen sollten in das Vernichtungslager Treblinka verschleppt werden.
Am Morgen des 5. oder 6. August 1942 erschien die deutsche Polizei im Waisenhaus und befahl, das Gebäude zu räumen. Janusz Korczak, Stefania Wilczyńska und die übrigen Mitarbeiter versammelten die fast 200 Kinder vor dem Heim.
Gemeinsam machten sie sich auf den Weg zum Umschlagplatz, dem Deportationsort im Warschauer Ghetto. Korczak und seine Mitarbeiter versuchten dabei, die Kinder zu beruhigen und Panik zu verhindern.
Mehrere Augenzeugen berichteten später von diesem letzten Weg. Sie beschrieben die Gruppe als geordnet und würdevoll. Im Laufe der Zeit entstanden jedoch auch zahlreiche Erzählungen und Legenden über einzelne Details des Marsches, die sich heute nicht mehr zweifelsfrei überprüfen lassen.
Am Umschlagplatz mussten Korczak, seine Mitarbeiter und die Kinder in die für die Deportationen bereitgestellten Waggons steigen. Unter extrem beengten Bedingungen wurden sie in das rund 100 Kilometer entfernte Vernichtungslager Treblinka transportiert.
Die Menschen waren bereits durch Hunger und Krankheiten geschwächt. Die überfüllten und heißen Waggons machten die Fahrt zusätzlich lebensgefährlich. Viele Menschen überlebten die Deportation nach Treblinka nicht.
Korczak, seine Mitarbeiter und die Kinder wurden höchstwahrscheinlich kurz nach ihrer Ankunft in Treblinka ermordet. Über ihre letzten Stunden sind keine gesicherten Einzelheiten bekannt.
Janusz Korczak hatte zuvor Möglichkeiten ausgeschlagen, sich selbst in Sicherheit zu bringen. Er blieb bis zuletzt bei den Kindern, für deren Würde und Rechte er sich einen großen Teil seines Lebens eingesetzt hatte.
Nachweise
Quellen & weiterführende Informationen
United States Holocaust Memorial Museum:
Holocaust-Enzyklopädie – Janusz Korczak
Muzeum Treblinka:
Biografie – Janusz Korczak
Janusz-Korczak-Archiv:
Informationen zu Leben, Werk und Pädagogik
von Janusz Korczak
Bildnachweis
Porträt von Janusz Korczak
Aufnahme:
Janusz Korczak, 1933
Urheber:
Unbekannt
Quelle:
Polona / Polnische Nationalbibliothek,
via Wikimedia Commons
Lizenz:
Public Domain