Verfolgung von NS-Kriegsverbrechern

Hanns Alexander

Geboren

6. Mai 1917

Gestorben

23. Dezember 2006

Britischer Offizier · Ermittler gegen NS-Kriegsverbrecher

Porträt von Hanns Alexander

NS-Verbrecher verfolgen

Was macht Hanns Alexander zu einem Widerständler gegen die Nazis?

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs meldeten sich Hanns Alexander und sein Zwillingsbruder Paul freiwillig zum Dienst in der britischen Armee. Als jüdische Flüchtlinge aus Deutschland wollten sie gegen das nationalsozialistische Deutschland kämpfen.

Zunächst begegnete man den aus Deutschland stammenden Männern jedoch mit Misstrauen. Hanns Alexander diente zunächst als einfacher Soldat im Royal Pioneer Corps. Er wollte mehr Verantwortung übernehmen und Offizier werden. 1943 wurde er schließlich zur Offiziersausbildung zugelassen.

Nach der Landung der Alliierten in der Normandie im Juni 1944 wurde Alexander in Frankreich und später in Deutschland eingesetzt. Aufgrund seiner deutschen Sprachkenntnisse übernahm er unter anderem Aufgaben bei der Befragung deutscher Gefangener.

Nach Kriegsende wurde Alexander Mitglied eines britischen War Crimes Investigation Teams. Am 12. Mai 1945 kam er als Dolmetscher nach Bergen-Belsen. Dort war er unmittelbar mit den Folgen der nationalsozialistischen Verbrechen konfrontiert.

Die Zustände im kurz zuvor befreiten Konzentrationslager Bergen-Belsen hinterließen bei ihm einen tiefen Eindruck. Alexander sah ausgemergelte Überlebende und zahlreiche Leichen. Sein Großneffe Thomas Harding beschrieb später, dass Alexander bewusst wurde, dass ihm als jüdischem Deutschen ein ähnliches Schicksal hätte widerfahren können.

Aus seiner Arbeit als Dolmetscher entwickelte sich zunehmend die Tätigkeit eines Ermittlers. Alexander wollte nicht nur Aussagen aufnehmen, sondern die noch untergetauchten Verantwortlichen für die nationalsozialistischen Verbrechen finden und vor Gericht bringen.

Ende 1945 gelang ihm ein erster großer Fahndungserfolg: Hanns Alexander spürte Gustav Simon auf, den früheren Gauleiter des Gaus Moselland und Chef der deutschen Zivilverwaltung im besetzten Luxemburg. Simon wurde am 10. Dezember 1945 festgenommen.

Alexanders bekanntester Fahndungserfolg folgte wenige Monate später. Im März 1946 gelang es ihm und seinem Team, Rudolf Höß aufzuspüren – den ehemaligen Kommandanten des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz.

Kindheit und Flucht

Wie sah sein Leben vor dem Krieg aus?

Hanns Alexander wurde 1917 in Berlin als Sohn des angesehenen jüdischen Arztes Alfred Alexander und seiner Frau Henny geboren. Gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Paul und seinen beiden Schwestern wuchs er in einem wohlhabenden und weltoffenen Elternhaus auf.

Die Familie empfing regelmäßig bekannte Persönlichkeiten. Zu den Gästen gehörten unter anderem Albert Einstein und Marlene Dietrich. Hanns und sein Bruder Paul besuchten die Private Waldschule Grunewald in Berlin.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten veränderte sich das Leben der jüdischen Familie grundlegend. Im Juli 1933 mussten Hanns und Paul ihre Schule aufgrund der nationalsozialistischen Ausgrenzungspolitik verlassen. Anschließend besuchten sie zunächst eine jüdische Privatschule.

Die antisemitische Verfolgung nahm in den folgenden Jahren immer weiter zu. 1936 verließ Hanns Alexander Deutschland und gelangte über die Schweiz nach Großbritannien. Auch seine Familie konnte schließlich nach England fliehen.

In Großbritannien begann Alexander sich ein neues Leben aufzubauen. Er verbesserte seine Englischkenntnisse und arbeitete später bei einer Londoner Bank.

1939 entzog das nationalsozialistische Deutschland der Familie Alexander offiziell die deutsche Staatsbürgerschaft und enteignete ihren Besitz. Zu diesem Zeitpunkt lebte Hanns Alexander bereits im britischen Exil.

Im Alter von etwa 20 Jahren lernte Alexander Anne Graetz näher kennen. Auch sie stammte aus einer jüdischen Familie, die vor der nationalsozialistischen Verfolgung aus Deutschland geflohen war. Später wurde sie seine Ehefrau.

Rudolf Höß

Wie gelang Hanns Alexander die Festnahme von Rudolf Höß?

Einer der wichtigsten Fahndungserfolge Hanns Alexanders war die Suche nach Rudolf Höß, dem ehemaligen Kommandanten des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz. Nach dem Ende des Krieges war Höß untergetaucht und lebte unter dem falschen Namen „Franz Lang“ in Norddeutschland.

Alexander und seine Kollegen versuchten zunächst, den Aufenthaltsort von Höß über dessen Familie herauszufinden. Schließlich erhielten sie den entscheidenden Hinweis auf einen Bauernhof in Gottrupel bei Flensburg, auf dem sich Höß versteckt hielt.

Am Abend des 11. März 1946 fuhr Alexander gemeinsam mit britischen Soldaten zu dem Hof. In einer Scheune trafen sie auf einen Mann, der behauptete, Franz Lang zu heißen und bestritt, Rudolf Höß zu sein.

Bei der Überprüfung seiner Identität fiel Alexander schließlich der Ehering des Mannes auf. Auf der Innenseite befanden sich die Namen „Hedwig“ und „Rudolf“. Damit war für die Ermittler klar, dass sie den früheren Auschwitz-Kommandanten gefunden hatten.

Rudolf Höß wurde festgenommen und zunächst in britischen Gewahrsam gebracht. Später wurde er nach Nürnberg überstellt, wo er im Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher als Zeuge aussagte.

Anschließend wurde Höß an Polen ausgeliefert. Dort wurde er zum Tode verurteilt und am 16. April 1947 auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz hingerichtet.

Die Festnahme Rudolf Höß' wurde zum bekanntesten Erfolg Hanns Alexanders als Ermittler gegen nationalsozialistische Kriegsverbrecher.

Nach dem Krieg

Wie verlief Hanns Alexanders Leben nach seinen Ermittlungen?

Nach der Festnahme Rudolf Höß' verließ Hanns Alexander Deutschland und kehrte nach Großbritannien zurück. Im Mai 1946 heiratete er in London seine langjährige Verlobte Anne Graetz. Das Paar bekam später zwei Töchter.

Alexander führte anschließend ein weitgehend ziviles Leben. Er arbeitete als Bankier und Kaufmann in London und sprach innerhalb seiner Familie nur selten über seine Erlebnisse während des Krieges und seine Arbeit als Ermittler gegen NS-Kriegsverbrecher.

Großbritannien blieb für ihn seine neue Heimat. Für seinen militärischen Dienst wurde Alexander mehrfach ausgezeichnet. Bei Veteranentreffen trug er seine Auszeichnungen mit Stolz und zeigte sich zeitlebens dankbar dafür, dass Großbritannien ihm und seiner Familie Zuflucht vor der nationalsozialistischen Verfolgung geboten hatte.

Nach Deutschland wollte Hanns Alexander dagegen nicht zurückkehren. Die Erlebnisse von Bergen-Belsen und seine Begegnungen mit den Tätern hatten ihn tief geprägt. Besonders belastete ihn, dass zahlreiche Verantwortliche für nationalsozialistische Verbrechen niemals zur Rechenschaft gezogen wurden.

Später erklärte Alexander, dass er mit seinen Kindern bewusst nicht ausführlich über diese Erfahrungen gesprochen habe. Er wollte verhindern, dass auch sie mit dem Hass aufwuchsen, den er selbst nach seinen Erlebnissen empfand.

Viele Einzelheiten seiner Tätigkeit als Ermittler blieben deshalb selbst seiner eigenen Familie lange unbekannt. Erst nach seinem Tod begann sein Großneffe Thomas Harding, Alexanders Geschichte ausführlich zu recherchieren.

Hanns Alexander starb am 23. Dezember 2006 im Alter von 89 Jahren in London an den Folgen einer Lungenentzündung. Seine Geschichte wurde erst danach einer breiteren Öffentlichkeit bekannt.

Nachweise

Quellen & weiterführende Informationen

NDR:
Hanns Alexander – Vom ungeliebten Soldaten zum Nazi-Jäger

NDR:
War Crimes Investigation Unit – Briten auf der Jagd nach Nazi-Verbrechern

Thomas Harding:
Hanns und Rudolf – Der deutsche Jude und die Jagd nach dem Kommandanten von Auschwitz

Bildnachweis

Porträt von Hanns Alexander

Aufnahme:
Hanns Alexander, 1947

Bildnachweis:
Familie Alexander

Quelle:
Verlagshaus Jacoby & Stuart / NDR