Aufarbeitung der NS-Verbrechen

Fritz Bauer

Geboren

16. Juli 1903

Gestorben

1. Juli 1968

Jurist · Wegbereiter der juristischen Aufarbeitung der NS-Verbrechen

Porträt von Fritz Bauer

Aufarbeitung

Was macht Fritz Bauer für die Aufarbeitung der NS-Verbrechen so bedeutend?

Fritz Bauer leistete seinen entscheidenden Beitrag nicht während der nationalsozialistischen Diktatur, sondern nach deren Ende. 1949 kehrte er aus dem Exil nach Deutschland zurück. Sein Ziel war es, am Aufbau einer demokratischen Justiz mitzuwirken und die Verbrechen des Nationalsozialismus juristisch aufzuarbeiten.

Zunächst wurde Bauer Landgerichtsdirektor in Braunschweig. Ab 1950 war er dort Generalstaatsanwalt. Einer seiner bekanntesten frühen Prozesse war 1952 das Verfahren gegen den ehemaligen Wehrmachtsoffizier Otto Ernst Remer.

Remer hatte die Beteiligten des Attentats vom 20. Juli 1944 als Verräter bezeichnet. Bauer widersprach dieser Darstellung vor Gericht. Der Prozess trug wesentlich dazu bei, den Widerstand gegen Hitler rechtlich und öffentlich zu rehabilitieren.

1956 wurde Fritz Bauer hessischer Generalstaatsanwalt in Frankfurt am Main. Von dort aus setzte er zahlreiche Ermittlungen gegen ehemalige nationalsozialistische Täter in Gang.

Besonders bedeutend wurde der erste Frankfurter Auschwitz-Prozess. Auf Bauers Initiative wurden ab 1959 Ermittlungen gegen Angehörige des SS-Personals von Auschwitz gebündelt. Die Hauptverhandlung begann am 20. Dezember 1963.

Angeklagt waren zunächst 22 Männer. Im Verlauf des Verfahrens sagten insgesamt 360 Zeugen aus, darunter 211 Überlebende des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz. Viele von ihnen berichteten öffentlich von ihren Erfahrungen und den dort begangenen Verbrechen.

Dadurch erhielten die Opfer und Täter für eine breite deutsche Öffentlichkeit Namen, Stimmen und Gesichter. Der Auschwitz-Prozess wurde zu einem wichtigen Wendepunkt in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit den nationalsozialistischen Verbrechen.

Bauer bereitete außerdem umfangreiche Verfahren gegen Beteiligte an den nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morden vor. Der von ihm geplante große Prozess gegen sogenannte Schreibtischtäter kam nach seinem Tod 1968 jedoch nicht mehr zustande.

Frühe Jahre und Verfolgung

Wie war sein Leben vor und während der NS-Zeit?

Fritz Bauer wurde 1903 in Stuttgart als Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie geboren. Er studierte Rechts- und Volkswirtschaftslehre in Heidelberg, München und Tübingen und promovierte anschließend.

Bereits in jungen Jahren engagierte sich Bauer politisch in der SPD. Anfang der 1930er-Jahre leitete er außerdem die Stuttgarter Ortsgruppe des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold, das sich für die parlamentarische Demokratie der Weimarer Republik einsetzte.

1930 wurde Fritz Bauer Amtsrichter in Stuttgart. Mit nur 26 Jahren gehörte er damit zu den jüngsten Richtern Deutschlands.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde Bauer 1933 aus seinem Richteramt entlassen. Wegen seiner politischen Tätigkeit wurde er von der Gestapo verhaftet und für mehrere Monate im Konzentrationslager Heuberg auf der Schwäbischen Alb festgehalten.

Nach seiner Freilassung blieb Deutschland für Bauer zunehmend gefährlich. 1936 floh er deshalb nach Dänemark. Dort lebte er als politischer Flüchtling und blieb auch im Exil politisch aktiv.

Als sich die Lage während des Zweiten Weltkriegs weiter zuspitzte, floh Bauer 1943 von Dänemark nach Schweden. Dort überlebte er die letzten Jahre des Krieges und engagierte sich weiterhin in sozialdemokratischen Exilkreisen.

Adolf Eichmann

Welche Rolle spielte Fritz Bauer bei der Ergreifung Adolf Eichmanns?

Eine der bekanntesten Leistungen Fritz Bauers steht im Zusammenhang mit der Suche nach Adolf Eichmann. Eichmann gehörte zu den zentralen Organisatoren der Deportation und Ermordung der europäischen Jüdinnen und Juden. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gelang ihm die Flucht nach Argentinien.

1957 erhielt Fritz Bauer Hinweise darauf, dass Eichmann unter falschem Namen in Argentinien lebte. Bauer befürchtete, dass Informationen über dessen Aufenthaltsort innerhalb deutscher Behörden an Eichmann oder sein Umfeld gelangen könnten.

Deshalb gab Bauer seine Informationen nicht nur an deutsche Stellen weiter, sondern wandte sich auch an den israelischen Geheimdienst Mossad. Seine Hinweise trugen wesentlich dazu bei, Eichmann in Argentinien aufzuspüren.

Im Mai 1960 wurde Adolf Eichmann von israelischen Agenten gefasst und nach Israel gebracht. Dort begann 1961 in Jerusalem der international beachtete Prozess gegen ihn.

Fritz Bauers Rolle bei der Suche nach Eichmann wurde lange Zeit kaum öffentlich bekannt. Heute gilt sein Handeln als weiterer wichtiger Teil seines Einsatzes für die juristische Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verbrechen.

Persönliches

Was ist über Fritz Bauers persönliches Leben bekannt?

Während seines Exils in Schweden lernte Fritz Bauer den späteren Bundeskanzler Willy Brandt kennen. Gemeinsam gründeten sie die Zeitschrift „Sozialistische Tribüne“, die sich mit politischen und gesellschaftlichen Fragen beschäftigte.

Auch über Fritz Bauers Privatleben wurde später viel diskutiert. Während seines Exils in Dänemark geriet Bauer in das Visier der dortigen Fremdenpolizei. Ab 1936 wurde er wegen vermuteter homosexueller Kontakte beobachtet und mehrfach verhört.

Homosexuelle Beziehungen zwischen erwachsenen Männern waren in Dänemark zu dieser Zeit grundsätzlich nicht mehr strafbar. Dennoch wurden homosexuelle Männer weiterhin polizeilich kontrolliert. Besonders männliche Prostitution stand weiterhin unter Strafandrohung.

Die erhaltenen Polizeiakten dokumentieren Bauers Kontakte zu Männern und die Überwachung seiner Privatsphäre. Welche sexuelle Orientierung Fritz Bauer selbst für sich beansprucht hätte, lässt sich daraus jedoch nicht zweifelsfrei bestimmen.

Sicher ist, dass die polizeiliche Überwachung einen erheblichen Eingriff in sein Privatleben darstellte. Heute sind diese Akten zugleich ein Zeugnis dafür, welchen gesellschaftlichen Vorurteilen und staatlichen Kontrollen homosexuelle oder als homosexuell wahrgenommene Menschen damals ausgesetzt waren.

Nachweise

Quellen & weiterführende Informationen

Fritz Bauer Institut:
Biografie – Fritz Bauer (1903–1968)

Fritz Bauer Institut:
Online-Ausstellung „Fritz Bauer. Der Staatsanwalt“

Fritz Bauer Institut:
Informationen zum Frankfurter Auschwitz-Prozess

Bildnachweis

Porträt von Fritz Bauer

Urheber:
Fritz Bauer Institut / A. Mergen

Quelle:
Wikimedia Commons

Lizenz:
Public Domain